Montag, 29. September 2014

Herbstwanderungen - oder: Jahreszeit für Gedichte und Geschichten


Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Eduard Mörike



"Oh, das ist schön!" waren die Worte eines Mädchens, mit dem sich zufällig ein Gespräch über den von der Sonne überstrahlten Morgennebel entsponnen hatte, der es faszinierte. "Dazu gibt es ein Gedicht," hatte ich gesagt, worauf sie mich erwartungsvoll angeschaut hatte. Und zu meinem Staunen hörte sie mir aufmerksam zu, als ich meinen Mörike, den ich auswendig kann, zitierte. In ihren Augen ein Leuchten, das ich noch deutlich vor mir sehe. Sie geht inzwischen in die zweite Klasse und spricht zwei Sprachen. Ihre Muttersprache ist arabisch.

Warum fürchten wir so oft, Kindern mit Gedichten zu nahe zu treten? Manchmal glaube ich eher, es könnte unverzeihlich sein, sie ihnen vorzuenthalten.

So schaffte es Mörikes "Septembermorgen" auch diesmal, mich mit dem zugehörigen Monat zu versöhnen, zumindest gegen dessen Ende hin. Der Schritt in den Herbst ist vollzogen, es wird möglich, sich auf ihn einzulassen, seine Schönheit wahrzunehmen. Die Farbenpracht der Astern in den Gärten bot sich für ein Kurzvideo an.




Ein Jahr ist es nun her, dass ich dieses Blog startete, und ich freue mich, dass ich meinen Vorsatz, monatlich mindestens einen Beitrag einzustellen, bislang einhalten konnte. So ist, wenn schon kein Tagebuch, so doch eine Art virtuelles Jahrbuch entstanden, in dem sich Platz findet für Erlebnisse und Eindrücke, die ich gerne mit Euch teilen möchte, auch und gerade zu Zeiten, die wenig Raum für eigentliches literarisches Schaffen lassen. Alles in allem reichte es dennoch - wie angekündigt - zu meiner Kurzgeschichte Begegnung, die seit heute im LiteraturFreundIn-Blog zu lesen ist.

Der Herbst ist die Zeit für Geschichten, auch und gerade für die der unheimlichen Art, die von Begegnungen und Berührungen mit anderen Wirklichkeitsebenen erzählen, die sich unserer alltäglichen Wahrnehmung zumeist entziehen. Von dieser Faszination zeugt auch unser Rodensteiner, unser geradezu liebgewonnenes Odenwälder Gespenst, fast schon ein Herbstklassiker in unserem Blog, der nach wie vor seinen Platz als meistaufgerufener Beitrag behauptet.



Wanderungen - Inspiration fürs Schreiben als auch für das Fotografieren: Impressionen einer Spätsommer-Wanderung im Hohloh-Hochmoor des nördlichen Schwarzwaldes.





Wanderer der Du
Vorübereilst
Zu Fuß
Per Rad
Bereits Dein
Übernächstes Ziel im Blick:










Du wirst sie nie hören
Die Stille
Die über dem Moorsee liegt
Einzig übertönt
Vom eigenen Herzschlag
Hin und wieder nur
Durchbrochen
Vom Ruf
Des Schwarzspechtes
Oder eines Kolkraben.







Wirst sie nicht vernehmen
Die Stimme des Moores
Das leise Glucksen
Unter den Holzplanken
Das Flüstern
Des Windes in den Kiefern und Birken
Den einsamen Schrei
Eines Tauchervogels.







Du wirst nicht sagen können
Wieviele Farben sie hat
Die Moorheide
In wie vielen Schattierungen
Sie leuchtet
Wenn der Herbst Einzug hält.





Bemerkst nicht
Die Königslibelle
Die vor Dir her fliegt
Ihren blaugrünen Tanz.

Du wirst erzählen
Du seist im Moor gewesen.



Auf dass es Euch nicht so ergehe möge, Ihr Euch entschleunigt und Augen und Ohren habt für das Kostbare!

Herzliche Grüße und einen farbenfrohen Herbst!

Eure Bettine









Freitag, 29. August 2014

Leise gewordener Sommer - oder: Mut zum Unvollendeten

Sommersneige

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden, dein kristallenes Antlitz.
Am Abendweiher starben die Blumen,
Ein erschrockener Amselruf.

Vergebliche Hoffnung des Lebens.
Schon rüstet
Zur Reise sich die Schwalbe im Haus
Und die Sonne versinkt am Hügel;
Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

Stille der Dörfer; es tönen rings
Die verlassenen Wälder. Herz,
Neige dich nun liebender
Über die ruhige Schläferin.

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.
Gedichte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

Georg Trakl



Nichts einzuwenden gegen einen ausklingenden Sommer, der seine Lautstärke zurücknimmt, leise Töne anzuschlagen beginnt. Aus ähnlichen Motiven habe ich mich für Ferien zuhause entschieden, was für mich derzeit bedeutet: Ruhiges, entspanntes Arbeiten und Lernen, viel lesen, ausschlafen, Spaziergänge und Wanderungen in die nähere Umgebung.






Ich liebe meine helle, freundliche Dachwohnung, zumal ich hier oft die Gesellschaft einer schnurrenden Katze genieße. Hier mag ich selbst das Geräusch von Regen auf den Fensterscheiben. Eine Seereise, die ich unternehmen wollte, habe ich hingegen auf den Herbst verschoben, der mir eine ruhige Insel ohne Touristenlärm in Gesellschaft von Wind, Meer und Zugvögeln verheißt, und so verlebe ich diese Tage in Vorfreude, während derer ich manche Zeitgenossen gestresst und deprimiert angesichts einer bevorstehenden, endlos scheinen wollenden, grauen Alltagsmasse aus dem Sommerurlaub zurückkehren sehe. Ein Privileg, ich weiß darum!

Dem grauen Alltag jedoch habe ich eine Absage erteilt. Ich will ihn nicht haben - Annahme verweigert! Ich brauche Farbe und nehme sie mir. Meine Welt ist bunt. Sie ist das einzige, was ich "der Welt da draußen" entgegenzuhalten habe. Wenn ich hingegen zulasse, dass sie verblasst und ergraut, dann bleibt nichts mehr, als sich dem Ekel und Grauen über das Geschehen in der äußeren Welt zu überlassen. Dies kann ich mir schon deshalb nicht erlauben, weil ich für Kinder verantwortlich bin, die mich ein um das andere Mal nach dem Weg fragen.



Ein großer Pianist und Dirigent der Gegenwart, dem meine Hochachtung und Bewunderung gilt, Daniel Barenboim, der sich mit seinem "Orchester des west-östlichen Divans", zusammengesetzt aus engagierten jungen Musikern der jüdischen und arabischen Welt, seit Jahren unermüdlich für die Annäherung und Verständigung zwischen verfeindeten Volksgruppen einsetzt, sagt schlicht:

"In diesen Tagen können wir uns keinen Pessimismus leisten."

Wir brauchen heute mehr denn je Menschen, die solches auf den Punkt bringen und denen der Gedanke fern steht, aufzugeben und sich dem allgemeinen Strom anzupassen. Es sind dies wenige genug!

Als den Kindern geschuldet sehe ich auch meine Arbeit an Betty's Kids' Corner, ein Blog, das ich kontinuierlich weiter ausbauen, jedoch darin mehr auf Qualität als auf Quantität setzen möchte. Ob dies gelingt und wohin die Reise genau gehen wird, bleibt eine spannende Frage.

Der Umgang mit Literatur und Büchern ist etwas, das Kinder vor allem am Vorbild lernen. Ich werde ihn nicht vermitteln können, wenn sie nicht sehen, dass ich ihn selbst lebe. An Tagen, die ich im Kindergarten verbringe, setze ich mich während meiner Mittagspause bei sonnigem Wetter gern in den weitläufigen Garten unter einen Baum und lese. Oft sprechen mich Kinder aus der Ganztagesgruppe darauf an, wenn sie mich während des Mittagessens durch die Fenster beobachtet haben und sich anschließend zum Vorlesen während der Ruhezeit versammeln: "Wir haben dich gesehen, du warst im Garten, was hast du da für ein Buch gelesen?" Ich hatte in diesen Tagen oft "Augenblicke" von Virginia Woolf in einer Taschenbuchausgabe bei mir, das sich gut in einzelnen Abschnitten lesen lässt. Wie sollte ich es ihnen am besten beschreiben? Ich sagte, ich lese in einem Buch einer Schriftstellerin aus England, die vor hundert Jahren gelebt und viele Bücher geschrieben hat, und dieses Buch erzähle von ihren Erlebnissen als Kind und junges Mädchen und von den Eigenheiten der Leute der damaligen Zeit. Sie hörten andächtig zu, dennoch nahm ich an, sie würden es recht schnell wieder vergessen haben. Tage später jedoch sprang mir wieder ein Mädchen fröhlich entgegen und sagte: "Ich hab dich gesehen! Gell, du hast wieder in dem Buch von der Engländerin gelesen?"

Ein Erlebnis, das zu der Frage führt: Wann haben Kinder die Gelegenheit, Erwachsene lesen zu sehen? Es ist ja keineswegs so, dass nicht gelesen würde. Nur ist das Lesen eine Tätigkeit, welche die Großen gern auf eine Zeit verlegen, während der die Kinder woanders sind. Im Bett - abends - oder, falls sich tagsüber Gelegenheiten bieten, in der Schule oder im Kindergarten. Oder bei der Oma oder anderen Verwandten. Ihre ErzieherInnen und LehrerInnen wiederum sehen die Kinder normalerweise nicht lesen, weil sie diese nur während ihrer Arbeitszeit erleben. Deshalb: Ihr Großen, wenn Ihr lest, achtet darauf, die Kinder daran teilhaben zu lassen! Erzählt ihnen davon! Es ist von untergeordneter Bedeutung, ob es sich bei Eurer Lektüre um etwas Anspruchsvolles handelt. Die Kinder werden ohnehin ihre eigenen Lese-Vorlieben entwickeln und das sollen sie auch dürfen!





Einige meiner freien Stunden widmete ich meinem aus Zeitgründen in den letzten Monaten sehr vernachlässigten Garten-Blog Betty's Büchergarten. Ich habe ihn ein wenig umgestaltet und mit neuen Beiträgen versehen, sowie einer Liste mit Links zu Botanischen Gärten in aller Welt, die noch beliebig erweitert werden kann. Das Interesse an Pflanzen und die Liebe zur Natur verbindet viele Menschen über alle Erdteile und unterschiedlichen Kulturen hinweg in einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl für den Erhalt unserer Umwelt und für die Heranbildung künftiger Generationen, die dieses Engagement fortsetzen. Auch hier gilt es, die Möglichkeit zur Vernetzung für Austausch und Verständigung zu nutzen.

Im selben Zuge ergab sich die Gelegenheit, alte, nahezu vergessene Schätze auszugraben, Garten- und Blumenfotos aus den letzten fünf Jahren zu sichten und die schönsten zu einer Galerie zusammenzustellen, die nun im Büchergarten auf der linken Seitenleiste als Diashow zu sehen ist und durch die große Anzahl der Bilder ein längeres Schauen ohne viele Wiederholungen ermöglicht.

Ich freue mich, dass auch viele meiner älteren Fotografien dort einen Platz finden konnten, zumal meine Galerie auf der Homepage derzeit nicht mehr zugänglich ist, da sich diese zuletzt nicht mehr pflegen ließ und ich infolgedessen meine Domain auf dieses Blog umgeleitet habe. Eventuell werde ich die Homepage eines Tages ganz neu gestalten, aber damit hat es mir zunächst keine Eile, handelt es sich doch immer um einen relativ "toten" Ort, während sich das eigentliche virtuelle Leben eben doch in den Blogs und den sozialen Netzwerken abspielt.





Der Sommer, er war geprägt von kulturgeschichtlichen Erkundungen und Exkursionen auf Spuren der Dichter; diese werden mich auch in den Herbst begleiten, wann immer ich Zeit dazu finden werde.

 
Meine Wanderungen zu alten Burgen der Umgebung inspirierten mich vielfach zu neuen Fotos und zur Arbeit an einer Kurzgeschichte, die alsbald in unserer LiteraturFreundIn zu lesen sein wird. Manches neue Projekt steht an, ebenso viel "Altes", noch Unvollendetes. Einiges wird noch etwas verschoben werden müssen, anderes vielleicht auch unfertig bleiben. Warum auch nicht? Auch das Unvollendete hat seinen Reiz - und vielleicht sollten wir einfach nur mehr Mut zum Unfertigen aufbringen!
 
In diesem Sinne wünsche ich Euch einen schönen Ausklang dieses Sommers. Möge uns Sommers Neige in einen farbenfrohen Herbst geleiten!

Herzliche Grüße

Eure Betty




Dienstag, 29. Juli 2014

Stellung beziehen in einem schwer lastenden Sommer - oder: Zeit für Rosengedichte?


Été: être pour quelques jours
le contemporain des roses;
respirer ce qui flotte autour
de leurs âmes écloses.


Faire de chacune qui se meurt
une confidente,
et survivre à cette soeur
en d’autres roses absente.



 *



Sommer: für ein paar Tage
der Zeitgenosse der Rosen sein;
atmen, was um ihre ausgeblühten Seelen schwebt.

Aus jeder, die dahinstirbt,
eine Vertraute machen
und diese abwesende Schwester
in anderen Rosen überleben. 


Rainer Maria Rilke (Aus: Les Roses)



Aus einem schwer lastenden Sommer Flucht in Rosengedichte - und die Frage danach, ob solches eigentlich erlaubt sein kann. Wie immer, wenn ein Gedicht mich anspricht, fällt es mir schwer, mich dazu zu äußern. Fiele es je leicht, bräuchten wir diese Kunstform vermutlich nicht. So bleibt es ein Berührt-sein vom Hauch eines Gleichnishaften, ohne es näher benennen zu können.

Die Bürden dieses Hochsommers, sie heißen: Gewitterschwüle, Brandgefahr, Sommergrippe, Fieberträume angesichts einer bedrohlich empfundenen Weltlage. Trauer und Ohnmacht angesichts der Leiden der Menschen in Krisengebieten, besonders - wie stets immer und überall - der Kinder.

Schönreden der Politiker, gar Aufrufe, Stellung zu beziehen, bleiben verdächtig. Es sind nicht selten Aufrufe zur Parteinahme für die eine oder andere Seite. Etwas, wovor ich zurückschrecke. Manche Konflikte verstehen zu wollen, kann zu einer Lebensaufgabe werden, die darüber jedoch einer Lösung keinen Schritt näher kommen muss. Gewiss habe ich die Möglichkeit und die Pflicht, mich nach Kräften zu bilden und zu informieren. Zum Kern vordringen werde ich dennoch nicht, dies zu erwarten wäre vermessen.

Wenn ich zu etwas Stellung beziehen soll, so bin ich letztlich auf meine eigene Wahrnehmung angewiesen, so unzureichend diese sein mag. Was ich untrüglich wahrnehme, ist Leid. Unendliches Leid als Voraussetzung, immer weiteres Leid hervorzubringen. Und wie üblich trifft all dieses Leid die Schwächsten: die Kinder. Kinder, die in diese konfliktgeladene Welt hineingeboren wurden, ohne gefragt zu werden. Kinder, deren einziger Wunsch es ist, zu leben und sich am Leben zu freuen. Oft wird ihnen dieses Leben genommen, bevor es richtig begonnen hat. Und - bittere Ironie: Wenn sie es schaffen, mit diesem Leben davon zu kommen, dann werden sie in die Konflikte der Großen hineingezogen, vor deren Karren gespannt, ausgenutzt, missbraucht und aller ihrer Träume beraubt. Sie sind die Erwachsenen von morgen, traumatisierte Erwachsene, die gar nicht anders können, als die übernommenen Konflikte immer weiter zu tragen und auszuweiten.

Ja, ich nehme Partei! Ich nehme Partei für die Kinder! Und manch eine und manch einer merkt schon, dass es hier knifflig wird. Denn Kinder haben alle Hautfarben und alle Religionen; sie sind Angehörige der verschiedensten Nationalitäten, und jedes einzelne hat seine individuelle Geschichte. Partei für die Kinder zu ergreifen kann keine Parteinahme für irgendeine Konfliktseite der Großen bedeuten. Partei ergreifen für die Kinder kann nur bedeuten, Prioritäten neu zu setzen und die Rechte der Kinder an die oberste Stelle, über alle anderen Interessen zu setzen. Denn Kinder haben Rechte! Recht auf Leben, auf Bildung, auf Beteiligung und nicht zuletzt auf Schutz vor jeglicher Form von Gewalt! Die UN Kinderrechtskonvention trat 1990 in Kraft und wurde von nahezu allen Staaten dieser Erde unterzeichnet. Die Realität mutet dagegen wie Hohn an. Umsomehr muss sich Parteinahme für die Kinder darin ausdrücken, alle Bemühungen von Menschen um Verständigung und Frieden zu unterstützen und deutlich "Nein" zu sagen zu jeder Form von Gewalt.



Um es vorwegzunehmen: Nein, wir können als Einzelne allein die Welt nicht retten. Was wir als Einzelne tun können, ist Denkanstöße geben, aufgreifen und weiterreichen, Impulse setzen und diese weitertragen, und auf diese Weise dafür sorgen, dass Menschen, die dasselbe wollen, miteinander in Austausch kommen und wieder andere Menschen mit hinzuzuholen. Dafür sorgen, dass wir viele werden. Und für jede Hoffnung die abstirbt, eine neue aufblühen zu lassen - oder mehrere.

Somit wäre ich zu den Rosen zurückgekehrt und hätte mir meine Frage von oben selbst beantwortet. Was mich - einmal im Rilke-und Rosen-Fieber - hier nicht hindern soll, eine weitere Rose nachzulegen.


Das Rosen-Innere

Wo ist zu diesem Innen
ein Außen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liege, als könnte nie
eine zitternde Hand sie verschütten.
Sie können sich selber kaum
halten; viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.

Rainer Maria Rilke, 2. 8. 1907, Paris



Geben wir diesem Sommer eine Chance, sich zu erfüllen!

In diesem Sinne: Liebe, sommerliche Grüße!

Betty


Sonntag, 29. Juni 2014

Junitage wie einst - oder: Unterwegs auf Schatzsuche

Juni

Schön wie niemals sah ich jüngst die Erde.
Einer Insel gleich trieb sie im Winde.
Prangend trug sie durch den reinen Himmel
Ihrer Jugend wunderbaren Glanz.

Funkelnd lagen ihre blauen Seen,
Ihre Ströme zwischen Wiesenufern.
Rauschen ging durch ihre lichten Wälder,
Grosse Vögel folgten ihrem Flug.


Voll von jungen Tieren war die Erde.
Fohlen jagten auf den grellen Weiden,
Vögel reckten schreiend sich im Neste,
Gurrend rührte sich im Schilf die Brut.




Bei den roten Häusern im Holunder
Trieben Kinder lärmend ihre Kreisel.
Singend flochten sie auf gelben Wiesen
Ketten sich aus Halm und Löwenzahn.


Unaufhörlich neigten sich die grünen
Jungen Felder in des Windes Atem,
Drehten sich der Mühlen schwere Flügel,
Neigten sich die Segel auf dem Haff.

Unaufhörlich trieb die junge Erde
Durch das siebenfache Licht des Himmels.
Flüchtig nur wie einer Wolke Schatten
Lag auf ihrem Angesicht die Nacht.

Marie-Luise Kaschnitz





  Und so sollte uns in diesem Jahr ein weiterer Juni vergönnt sein, der die alten Bilder in unserem Inneren wieder erstehen lässt, heiß und verheißungsvoll, leuchtend und farbenfroh. Zu Streifzügen verlockend, auf denen sich manches Kostbare findet und wiederfindet, manches üppig, anderes rar.

Die Begeisterung, die der Anblick einer Kuckuckslichtnelke oder eines Klappertopfs in mir auszulösen vermag, kündet vom Verlorenen, denn auch diese Aufnahmen zeigen keineswegs das Alltägliche, stammen vielmehr von besonderen Orten, die ich bewusst aufsuche, weil ich hoffe, an ihnen fündig zu werden.


Viele unserer einst zahlreichen Wiesenblumen sind intensiver Bewirtschaftung und den Pflanzenschutzmitteln zum Opfer gefallen; mit ihnen verschwanden mehr und mehr Insektenarten, und mit diesen wiederum viele Vögel.

Nachfolgende Generationen werden all dies möglicherweise nicht einmal vermissen, - einfach weil es ihnen nicht mehr vergönnt war, es kennenzulernen. Darin sehe ich die größte Gefahr. Kinder von heute werden als Erwachsene von morgen nur jenes für schützenswert befinden, was sie kennen- und liebengelernt haben. Es liegt in unserer Verantwortung, ihnen dies zu ermöglichen. Aber wie lautet doch unsere bequemste Ausrede? Keine Zeit?

Dennoch: Eine eindrückliche Begebenheit ist mir im Gedächtnis geblieben, als ich im vergangenen Jahr einige Kinder im Grundschulalter zur Kindersprechstunde des Bürgermeisters begleitete. Die Kinder stellten Fragen nach verloren gegangenen - weil zwischenzeitlich bebauten - Wiesen, "auf denen man so schön spielen konnte." Die - keineswegs unfreundliche - Antwort lautete: "Aber dort, wo ihr wohnt, haben wir doch schon einen Spielplatz gebaut!" Darauf rief ein zehnjähriges Mädchen: "Herr Bürgermeister, Sie haben uns nicht verstanden! Es geht nicht um Spielplätze, es geht um W i e s e n !!!"

Macht uns solches nachdenklich? Kinder haben ein eigenes Gespür für das, was sie brauchen, und wir sollten endlich lernen, hinzuhören!


Der Pfingsttag kennt keinen Abend,
denn seine Sonne, die Liebe, geht nie unter.

Theodor Fontane


Ermutigend, solches bei den Dichtern zu lesen, denn vorüber sind auch sie, die Pfingsttage - und mit ihnen die Pracht der Pfingstrosen, die mir hier eine Rückschau wert sind.




Wenn mir etwas an ihnen besonders gefällt, so ist es ihre Art, noch zur Knospenzeit manche ihrer Köpfe durch Zäune und Begrenzungen zu stecken, um hernach jenseits dieser umso prachtvoller aufzublühen. Es hat dies etwas Verwegenes.
Beim Durchsehen von Fotos aus früheren Jahren, sah ich mich inspiriert, die schönsten von ihnen in einem Video zu versammeln:
 




Von der schönsten Seite zeigen sich dieser Tage viele Gärten, zumal die Rosenzeit in ihnen Einzug gehalten hat. Anlass, mir einen Ferientag zu stehlen, um eine Anlage aufzusuchen, deren Besuch schon in Kindheitstagen zu den Höhepunkten gehörte, ein Ausflugsziel, das ich allen anderen stets vorzog:
Das Blühende Barock in Ludwigsburg.

Sprichwörtlich ist es ein Garten der Gärten, in dem es jedem zu nahezu jeder Jahreszeit möglich ist, sein individuelles Paradies zu finden.




Für einen Ausflug dorthin gönne ich mir gern einen Tag für mich allein, um diesen in aller Ruhe in meinen Lieblingswinkeln vertrödeln zu können. In diesem Zuge frage mich allerdings zuweilen, ob das Glücksempfinden, welches Blumen und Farben bei mir auszulösen vermögen, wohl eine Alterserscheinung darstellt, da ich dies als junger Mensch in solcher Ausprägung nicht kannte.

 



















Wer sich hierzu weitere Bilder anschauen möchte, kann gerne meine
Fotoalben in Betty's Büchergarten
auf Facebook einsehen.

Weitere Alben zu vielfältigen Themen finden sich in Betty's Corner und LiteraturFreundIn.






Die schönsten der Ludwigsburger Rosen fanden in einem weiteren Video Platz:




Ein Projekt, dass ich nun endlich starten konnte, ist mein neues Kinder-Buch-Blog
Betty's Kids' Corner
für junge und jung gebliebene LiteraturfreundInnen, welches vor einer Woche online ging.

Hierzu ergeht meine herzliche Einladung! Ich bin gespannt auf die Entwicklung, die es nehmen wird.

Ferner freue ich mich, dass mein Essay zu Anne Frank rechtzeitig vor ihrem 85. Geburtstag bei Literaturkritik.de erschienen ist.


Inzwischen liegt auch der längste Tag des Jahres hinter uns, wenngleich wir noch viel Sommer vor uns haben. Storchschnabel und Wegwarte sind eigentlich schon Boten des kommenden Monats, des Juli.








Ich wünsche uns allen immer wieder Mußestunden und Zeit für Traum-Reisen ins Blaue. Nicht, dass wir dafür unbedingt weite Strecken zurücklegen müssten!





In diesem Sinne: Einen wunderschönen Sommer und herzliche Grüße!

Eure Betty