Sonntag, 19. Juli 2015

Sonnentage aus Schatten und Glanz - oder: Von Besinnung und Sinn - und dem Dahineilen eines ereignisreichen Sommers



Die Sonnenuhr

Wie bist du doch in eine Welt
Von Tag und Glanz hineingestellt!
Dich treibt der Strahlen Her und Hin
Erst zur Besinnung und zu Sinn.
Auf deines Bilds besonntem Runde
Zeigt grau der Zeiger Stund um Stunde.
Wie golden früh- und spätere Stunde funkelt!
Die gegenwärtige allein ist schattenschwarz umdunkelt.

Klabund


Beim Stöbern auf der Suche nach einem Symbol für diese Tage beim Bild der Sonnenuhr hängengeblieben - Tage von Schatten und Glanz, dahineilende Zeit, Ringen um Besinnung, Zugewinn von Sinn, dies alles: Umschreibungen, die es nur unvollständig treffen.

Ereignisreiche Tage, die hinter mir liegen. Für einige Monate musste ich meine literarischen Aktivitäten und leider auch meine Blogs erheblich vernachlässigen, um mich auf Prüfungen vorzubereiten, die nun erfolgreich absolviert sind und für mich ein entscheidendes Etappenziel bedeuten. Ich blicke dankbar zurück auf drei arbeitsreiche Jahre und zugleich eine sehr schöne, intensive Zeit, die mir vieles an neuem Wissen, neuen Erkenntnissen, Begegnungen und Freundschaften eingetragen hat. Manches davon werde ich vermissen.

Als Erzieherin werde ich von nun an Grundschulkinder in einem Hort auf einem Stück Weg ihres Lebens und Lernens begleiten und freue mich sehr darauf. Für das nächste Jahr plane ich, mit einer Weiterbildung zur Lese- und Literaturpädagogin eine Brücke zu schlagen, um zwei Dinge, die mir am Herzen liegen, miteinander zu verbinden.



Noch stürmt durch den frühzeitigen Antritt meiner Wunsch-Stelle viel Neues auf mich ein und hält mich beschäftigt, aber über kurz oder lang freue ich mich darauf, wieder mehr Zeit für die Literatur zu haben. Leider haben uns in der ersten Jahreshälfte wieder viele der ganz Großen verlassen - ich nenne stellvertretend Günter Grass, Tomas Tranströmer und Harry Rowohlt - und hinterlassen schmerzliche Lücken in der Literaturlandschaft.

Über allem Zurückstellen eigener Projekte reichte es im Laufe des Frühjahrs doch zur Veröffentlichung einer Kurzfassung meines Anne-Frank-Essays und zu einem Beitrag über Leseförderung und neue Medien im Köln-Magazin Seconds. Im Weiteren habe ich einen ursprünglich 2011 in LiteraturFreundIn eingestellten Beitrag zur Frauendebatte Das fehlende Recht auf Scheitern neu überarbeitet und festgestellt, dass er nichts an Aktualität eingebüßt hat. Priorität wird in den nächsten Monaten die Arbeit an der - oft vertagten, aber nicht vergessenen - Veröffentlichung der Holunderblüten einnehmen.

Birnbaum-Allee am Grenzsteinweg Kleingartach
Ein wenig zu schnell vergingen Frühling und Frühsommer, Jahreszeiten die ich liebe und die ausgiebig zu genießen es mir in diesem Jahr schlicht an Zeit mangelte. Zeit für Spaziergänge durch blühende Baumalleen, Anemonenwälder, Magnoliengärten...

Zumindest einige davon habe ich dennoch unternommen und überdies an Ostern und im Mai zwei erholsame Auszeit-Wochenenden im Schwarzwald und eines an den Rhein sehr genossen.

Hier einige Impressionen:




Buschwindröschen in den Mischwäldern des Kraichgau

Kleiner Fuchs im Frühlingswald






Magnolienblüte im Katz'schen Garten Gernsbach


Botanischer Garten der Universität Bonn

Schwertlinien im Botanischen Garten Bonn


Kuckuckslichtnelken im Botanischen Garten Bonn

Vergissmeinnicht im Murgtal/Schwarzwald

Am Ziegenpfad bei Bermersbach im Murgtal/Schwarzwald


Auf dem Ziegenpfad


Glyzinienzauber im Katz'schen Garten Gernsbach



 

Fliederzeit in Gernsbach
 


 
Ein traumhafter Blütenzauber entfaltet sich zur Rosenzeit im Blühenden Barock Ludwigsburg. Jede Menge Fotos hiervon finden sich auf der Facebook-Seite von Betty's Büchergarten. Schaut gerne dort herein!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 




 



Das Beste zum Schluss:
Nach dem schmerzlichen Verlust von Felix hat sich nun doch wieder eine neue Besuchskatze bei mir eingefunden!

Ihr Name ist Lisa, und sie ist ihres Zeichens eine waschechte Diva. Ein möglicher Einsatz als Redaktionskatze bei Betty's Corner erfolgt selbstverständlich zu ihren gesonderten Bedingungen...





 
Einen wunderschönen Sommer wünscht Euch

Betty

Sonntag, 1. März 2015

Frühlingsahnen - oder: Der Morgen hinter dem Schleier

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, 
und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.

Khalil Gibran 







Die ersten Schneeglöckchen gemahnen mich daran, rasch einen kurzen Frühlingsgruß einzustellen, nachdem ich mit Erschrecken feststellte, dass mein letzter Beitrag sich noch im alten Jahr datiert findet. Jene ersten Wochen des Jahres waren und sind für mich mit sehr viel Arbeit angefüllt, hinter die ich leider vieles zurückstellen musste. Zugleich ist diese Zeit von Trauer überschattet, da ich im Januar von meinem Besuchskaterchen Felix Abschied nehmen musste. 

Lange war ich zu traurig, um darüber schreiben zu können. Nicht, dass es mich unvorbereitet getroffen hätte. Wir wussten, dass jeder Tag mit ihm ein Geschenk bedeutete; er war hoch betagt, und während des letzten Winters ging es ihm nicht mehr sehr gut. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass er früh morgens vor dem Haus überfahren wurde, - er, ein langjähriger Freigänger, der mit dem Verkehr stets bestens zurechtkam, gegenüber dem er sich allerdings zuletzt zunehmend gleichgültiger verhielt. 

Vielleicht war es die Art zu sterben, die am besten zu ihm passte? Ich weiß es nicht. Er gehörte mir nicht, er war ein Freund, der kam und ging, wie er wollte, - und doch hatte er während der letzten zwei Jahre zu meinem Leben gehört. Das Haus ist kalt und leer ohne ihn, und wir müssen uns nun irgendwie neu sortieren. Ruhe in Frieden, geliebtes Schnurrgetier!





Der Rhein bei Bonn
Einige Eindrücke von einer kurzen Reise an den Rhein, nach Bonn und Maria Laach zu Jahresbeginn hatte ich im Winter-Blog von Betty's Kids' Corner festgehalten, meinem Kinder-Buchblog, dem ich mich dieser Tage etwas intensiver gewidmet hatte, da ich mich derzeit im Zuge meiner Facharbeit sehr viel mit Literacy und Medienpädagogik beschäftige. 


 
Ernst-Moritz-Arndt-Denkmal am Alten Zoll, Bonn


Rathaus Bonn

 


Frühlingsahnung am Marktplatz in Bonn


Winterliche Abtei Maria Laach















Der Frühlingsbeitrag in Betty's Kids' Corner hingegen ist diesmal dem Dichter Mörike gewidmet. Eine herzliche Einladung ergeht an alle jungen und jung gebliebenen LiteraturfreundInnen! 

In beiden Blogs gibt es übrigens die Möglichkeit, uns über einen jeweiligen Link auf der rechten Seite auch auf Facebook und Google+ zu besuchen, und natürlich freue ich mich - nehmt es als Tick aller "Social-Networkaholics" - über Klicks, wenn die Seite gefällt!

 

Einstweilen sehe ich mit Sehnsucht der Zeit entgegen, die mir wieder mehr Raum lassen wird, mich mit Literatur zu beschäftigen und zu schreiben, - auch dies ein Grund, sich auf den Sommer zu freuen!







Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs einen schönen Frühling, viel ergiebigen Lesestoff und sonnige Tage!

Herzliche Grüße

Betty





 

Dienstag, 30. Dezember 2014

Zwischen den Jahren - oder: Nach-Denkliches aus dem Iglu

Winter

Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,

So fällt das Weiß herunter auf die Tale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, daß sich zu hohem Bilde
Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.

d. 25 Dezember 1841.
Dero
untertänigster
Scardanelli.

 
          Friedrich Hölderlin (Späteste Gedichte) 

                                           *

          "...und das Licht scheint in der Finsternis,
          und die Finsternis hat es nicht ergriffen."

          (Die Bibel, Johannes 1;5)




Ungewohnt silberweiß gefiltertes Licht dringt durch meine zugeschneiten Dachfenster. Eigentlich hatte ich diesen Augenblick gefürchtet. Es ist erst der zweite Winter, den ich in diesem Domizil verbringe, und der letzte war schneelos. Nun stelle ich zu meinem Verwundern fest, dass es mir in meinem "Iglu" sehr gut gefällt, dass ich mit der Stille, die sich mit dem sich ausbreitenden, alle Laute schluckenden Schnee, in einem anderen Rhythmus zu atmen beginne und allmählich aufhöre, mich zu fragen, ob ich mir dies leisten kann.



Schneller als erwartet ist es Winter geworden, und ich versuche, mir die Weihnachtszeit noch ein wenig zu erhalten, die mancher längst beiseite gelegt hat, müde des Überdrusses, die sie mit sich bringt. Der Überdruss vor dem Zuviel, ihrer bizarren Kommerzialisierung und der zelebrierten Verlogenheit, die einem die einst geliebten, kostbaren Adventstage Jahr um Jahr unerträglicher macht und in geradezu gruseligen Weihnachtsansprachen gipfelt.





Mit dem Heiligabend jedoch scheint alles seltsam jäh zu enden. Selbst der Pfarrer im Weihnachtsgottesdienst in meiner Heimatkirche, in den ich mich hoffnungsvoll begeben hatte, da noch ganz erfüllt von der vorausgehenden, sehr stimmungsvollen Mette, die - um 24 Uhr, wie es sich gehört - allerdings in einem anderen, nicht weniger liebenswerten Kirchlein auf der anderen Seite des Neckars stattgefunden hatte, sprach vom "Tag nach dem großen Fest", nach dem "wir nun alle wieder in den Alltag gehen". Hatte ich richtig gehört? Alltag? Aus dem komme ich soeben. Es ist der erste Weihnachtstag! Ich bin eigentlich gekommen, um zu feiern! Aber für alle anderen schien das Fest in der Tat vorüber zu sein. Unter solchen Voraussetzungen freilich hätten sich einst die Weisen aus dem Morgenland gar nicht erst auf den Weg zu machen brauchen!



So bleibt mir nun einmal mehr, mit mir selbst und einem kleinen Kreis an Vertrauten und Seelenverwandten mein eigenes Weihnachten zu feiern, wie sich denn auch die Geschichte mit dem Kind in der Krippe, seiner heiligen Patchwork-Familie, den Hirten und den Weisen im kleinen Kreise zugetragen haben mag.

Ihre Botschaft ist geheimnisvoll - und doch im Grunde sehr einfach, nimmt sie doch vorweg, was eben jenes Kind später als erwachsener Mensch lehren sollte. Die Sache vom Himmelreich, das die Kinder bereits in sich tragen, während es den Großen verloren gegangen ist, welches diese nur wiedererlangen können, wenn sie wiederum werden wie die Kinder. Kinder, bevor sie sich den Zwängen der Erwachsenen unterwerfen mussten. Offen, neugierig, großzügig und tolerant. Mit der Fähigkeit zum Staunen, Sich-Vertiefen und Sich-Freuen an kleinsten Dingen. 

Ein Gott, wenn wir so wollen, der Kind wurde, um den Weg zu weisen. Und es gab viele Menschen, die ihm aufmerksam zuhörten, ihm zuhören wollten; niemand hat sie dazu gezwungen. Der Zwang hat erst später in die Kirchen Einzug gehalten. Menschen, welche die Tür zu ihrer Kindheit gewaltsam hinter sich zugeschlagen haben, können sich kein Leben ohne Zwang vorstellen - nirgends, zu keiner Zeit, an keinem Ort der Welt, in keiner Religion.

Ich selbst sehe mich außerstande, mir einen anderen Gott zu denken, als einen Gott der Freiheit. Der nicht fragt nach Herkunft, Hautfarbe, Religion, Besitz, Begabung, Behinderung, sexueller Orientierung oder politischer Überzeugung. Einen Gott der Kinder, der Wanderer und Suchenden. Einen anderen brauche ich nicht. Dessen Ankunft in der Welt möchte ich gern feiern - und könnte dies natürlich ebenso zu jeder anderen Jahreszeit tun, aber wann, wenn nicht jetzt während dieser Tage der "Ruhe der Natur" fände sich Zeit dazu?

Von der Finsternis freilich ist nicht zu erwarten, dass sie das Licht ergreife. Finsternis ist nun einmal finster, sonst trüge sie diesen Namen nicht. Aber uns steht es offen. Und so wünsche ich uns, dass es uns gelingen möge, etwas davon hineinzutragen ins Neue Jahr!

Mit allen guten Wünschen für 2015...

Eure Betty


Sonntag, 23. November 2014

Reise-Herbst mit Stadtmusikanten, Dichtern und Kranichen - oder: Unterwegs zuhause


Blätter wehen vom Baume,
Lieder vom Lebenstraume
Wehen spielend dahin;
Vieles ist untergegangen,
Seit wir zuerst sie sangen,
Zärtliche Melodien.
Sterblich sind auch die Lieder,
Keines tönt ewig wieder,
Alle verweht der Wind:
Blumen und Schmetterlinge,
Die unvergänglicher Dinge
Flüchtiges Gleichnis sind.

Hermann Hesse



Der Herbst als Gleichnis für das Flüchtige in allem. Uns allzu vertraut, die wir mittels des Schreibens und der Fotografie einmal mehr bemüht sind, der Flüchtigkeit ein Schnippchen zu schlagen und sie für alle Zeiten zu bannen. Stückwerk wird es bleiben - wir ahnen es! Immer gelingt nur eine kurze Momentaufnahme aus einem bestimmten Winkel, die niemals alle Sinneseindrücke zugleich wiederzugeben vermag. Wir bleiben auf unser ewig unzulängliches Gedächtnis angewiesen und stellen immer wieder fest, dass auch unsere dort gespeicherten Erinnerungen unvollständig, unzuverlässig und flüchtig sind. Vielleicht muss dies so sein.

Der vergangene Oktober wurde zum Reisemonat mit vielen neuen Eindrücken, deren Sichtung mich noch eine Weile beschäftigt halten wird. Eine Fahrt nach Bremen diente vornehmlich pädagogischen Studienzwecken, die leider zu wenig Zeit für die Kunst übrig ließen, trotz eines "gestohlenen" Nachmittags bei Paula Modersohn-Becker in der Böttcherstraße und einiger verregneter Stunden in Worpswede.




Weniger rar machten sich hingegen jene vier Gesellen, allesamt ausgedient und auf der Suche nach neuen Perspektiven, welche die Stadt selbst wohl nie erreichten, da sie sich inzwischen als Hausbesetzer eine hinreichende Unterkunft im Grünen verschafft hatten.



Etwas an jenen Märchengestalten fasziniert mich seit Kindheitstagen; vielleicht ist es ihre Entschlossenheit zum Aufbruch und ihr Wille zum Zusammenhalt über alle Unterschiedlichkeit hinweg, - wenn man so will, eine Geschichte von zeitloser Aktualität.

Allerorten begegnet man ihnen unverhofft, so auch in der Böttcherstraße mit all ihren Merkwürdigkeiten, hier als winzig kleine Bronzefiguren auf dem "Brunnen der sieben Faulen", hinter dem sich passenderweise die Bonbonmanufaktur befindet, an der nur schwer Vorbeikommen ist.







 
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Bedeutend weniger Gedränge fand ich im Museum der Malerin Paula Modersohn-Becker vor, was ein längeres, ungestörtes Betrachten ihrer eindrucksvollen Portraits von Frauen und Kindern in der Worpsweder Landschaft ermöglichte.













Weitere Kunst-Exkursionen musste ich schließlich schweren Herzens auf einen späteren Besuch vertagen. Unvergessen bleiben Abende an der Schlachte, wo es durch sommerliche Temperaturen noch möglich war, gemütlich im Außenbereich der Lokale zu sitzen und auf die Weser zu schauen, ebenso das Durchstöbern der kleinen Läden und Cafés im Schnoor-Viertel, wo ich es mehrfach genoss, Tee auf ostfriesische Art serviert zu bekommen. Allein solches lässt mir den Norden ein um das andere Mal zum Gelobten Land werden.







In diesem besonderen Winkel Bremens kommt es durchaus vor, dass man viel Zeit in dem einen oder anderen der liebenswerten kleinen Läden verbringt und mit den Besitzern ins Gespräch kommt, die gern mit ihrer Kundschaft einen "Schnack" halten, um einem am Ende die nächste Teestube zu empfehlen, in der zu landen man letztlich doch wieder nicht widerstehen kann.

















Doch handelte es sich hier, wie erwähnt, um eine Studienreise, und als einer solchen ließ sich vieles aus ihr mitnehmen. Hospitationen in verschiedenen Einrichtungen, wie der Freinet-Kindertagesstätte Prinzhöfte, der Stadtteilfarm Huchting sowie einigen Kinderhäusern und Familienzentren, gewährten Einblick in eine sehr engagierte pädagogische Arbeit in Bremen und Umgebung. Etwas ausführlicher habe ich darüber in Betty's Kids' Corner berichtet. Alles in allem waren es sehr spannende, anregende Tage.






Wieder zuhause, konnten die Koffer gepackt bleiben zum bald darauf folgenden Aufbruch in die ersehnten Herbstferien nach Rügen.

Wie auch schon zwei Jahre zuvor hatten wir unser Domizil auf Jasmund an der Kreideküste in unmittelbarer Nachbarschaft zum Nationalpark. Der heute eher verträumt wirkende Ort Lohme war einst das erste Seebad auf Rügen, das seiner besonderen Lage wegen viele Künstler und Literaten anzog.









"Es ist nicht möglich, einen einfacheren und erhabenen Anblick zu finden, eine bloße Öffnung ins Meer, aber die unendliche Ebene so frei und groß daliegend,und der Schauplatz, von dem man sie sieht so kühn und fest gegründet, so wunderbar gestaltet durch die Ecken und Winkel der Felsen, so abstechend von Farben mit den weißen Kreidewänden gegen das blaue Meer..."

Wilhelm von Humboldt
(Tagebucheintrag vom 12. August 1796)









Um die Worte von Humboldts in ihrer Bedeutung zu erfassen, kann es notwendig werden, die meist besuchten Punkte zu verlassen und abseits der Touristenströme auf dem Hochuferweg zu wandern, der eine Fülle weiterer, weniger bekannter Ausblicke bereit hält. Den größten Reiz üben letztlich immer wieder unzugängliche Orte aus, wie der verborgen gelegene kleine Leuchtturm Kollicker Ort, an dem ich während vieler Jahre noch immer ahnungslos vorübergegangen war, ohne ihn je zu finden, und zu dem mir auch diesmal der Zugang versperrt und auf den mir nur ein Spähblick durch die Bäume vergönnt blieb. Er bleibt somit ein Sehnsuchtsort.



Auf den Wanderer warten faszinierende Gegensätze auf sehr kleinem Raum: auf der einen, der See zugewandten Seite die steilen, von Meer, Wind und Wetter geformten Kreideklippen, auf der abgewandten Seite  Buchenwälder und verträumt liegende Süßwasserseen, wie der sagenumwobene Herthasee.







Anders als zwei Jahre zuvor war meine Hoffnung, noch Kraniche beobachten zu können, des verlängerten Sommers wegen etwas größer, und tatsächlich konnte ich, wenn ich morgens mit der ersten Tasse Kaffee auf den großen Balkon - mit Seeblick durch die Bäume - hinaus trat, oft ihre Rufe hören. Ich vermutete, dass sie sich in der Nähe des Boddengewässers aufhielten. Die Kranichfahrten, die sonst per Ausflugsschiff möglich sind, waren jedoch schon in der Woche zuvor eingestellt worden. Mehrmals versuchte ich, an unterschiedlichen Stellen ans Boddenufer zu gelangen, aber sehr oft versperrte mir ein dichter Schilfgürtel die Sicht.


Bei einem dieser Versuche fanden wir uns eines Abends, als uns beim Überqueren eines Hügels das letzte golden gleißende Sonnenlicht auf dem Wasserspiegel magisch angezogen hatte, in einer von alten Kopfweiden gesäumten Allee in unmittelbarer Nähe des Schlosses Spyker wieder.



Mit einem Mal war in der Luft ein Brausen zu vernehmen, begleitet von hohen, schrillen Rufen, und ich sah sie in großer Zahl in ihren typischen keilförmigen Flugformationen in niedriger Höhe über den Himmel ziehen, um in nächster Nähe zu landen. Ebenso entdeckten wir immer wieder kleinere Gruppen von Graugänsen, welche dieselbe Richtung zu nehmen schienen. Erstmals sah ich beide Arten zugleich und konnte nun endlich ihr jeweiliges Flugbild vergleichen. Hier wurde der optische Unterschied deutlich durch die langen Beine der Kraniche, während sich deren hohe Stimmen akustisch deutlich vom tiefer gestimmten Schnattern der Gänse abhoben. Für diesmal ließ sich ihr genauer Landeplatz nicht ausmachen, doch während der folgenden Nächte waren sie sehr oft in der Dunkelheit zu hören.







Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit Ausflügen zum Kap Arkona, dessen Leuchtfeuer uns stets von Wittow herüber grüßte, und auf der Insel Hiddensee, die uns zeigte, dass es durchaus reizvoll sein kann, sie bei herbstlichem Nebel aufzusuchen, wenn sich die meisten Besucher in die warmen Kaffeestuben verzogen haben.






























Auch diese Insel: Rückzugsort für viele Künstler, bis sie manch einem zuweilen zu voll wurde. Hauptanlass für unsere Überfahrt war ein Besuch bei Gerhart Hauptmann, dessen schön erhaltenes Haus manchen Einblick in ein recht kauziges, mit vielerlei markanten Schrullen ausstaffiertes Schriftstellerleben bietet.










Am letzten Tag machte ich mich nochmals auf, um nach "meinen" Kranichen Ausschau zu halten. Es war ein trüber, verregneter Morgen. Mehrmals befuhr ich entlegene, holprige Kopfsteinpflaster- oder Sandwege, die in kleinen, um diese Jahreszeit verlassen anmutenden Fischerdörfern am Großen Jasmunder Bodden endeten, mehrmals musste ich unverrichteter Dinge wenden und zur Hauptstraße zurückfahren. Ich näherte mich bereits der Stadt Sagard und unternahm einen letzten Versuch, indem ich kurz vor dem Ortsschild abermals in einen Seitenweg einbog. Von diesem zweigte ein weiterer Weg ab, der über eine Anhöhe führte. Als ich diese erreicht hatte, sah ich sie. Sie lagerten etwas entfernt auf einem brachliegenden Feld. Es waren Hunderte! Ich hatte das Fernglas bei mir, so dass es mir möglich war, sie genauer zu beobachten. Die Kraniche hoben sich mit ihrem schwarz-hellgrauen Gefieder sehr deutlich vom braunen Ackerboden ab. Manche schienen stehend zu schlafen, andere suchten in Bodennähe nach Nahrung. Ab und zu erhob sich eine kleine Formation in die Lüfte und flog in Richtung der nächsten Wasserstellen. Dann gewahrte ich beim näheren Hinsehen in jenem Braun, das ich zunächst für Ackerboden gehalten hatte, mehrere Köpfe und Hälse von liegenden Graugänsen. Und gleich einem Suchbild wurden es mehr, je länger ich hinschaute. Auf dem Feld lagerten riesige Scharen von Graugänsen! Die Kraniche mochten Hunderte sein, die Gänse lagerten zu Tausenden! Nicht einmal während eines am Niederrhein verbrachten Frühlings hatte ich so viele von ihnen auf einem Fleck gesehen. Ebenso war mir nicht bewusst, wie eng sie mit den Kranichen vergesellschaftet sind und ohne viel Aufhebens die Rastplätze mit ihnen teilen. Meine morgendliche Exkursion hatte sich auf alle Fälle gelohnt!




Wie immer waren die Tage zu schnell vergangen; kaum dass wir begonnen hatten, in einem anderen Rhythmus zu atmen, mussten wir wieder an den Aufbruch denken. Wir nahmen Abschied von der See und verbrachten auf der Heimreise ein letztes Wochenende bei den Dichtern in Weimar, wo uns zu Novemberbeginn nochmals außergewöhnlich warme  Sonnenstunden vergönnt waren.








"Weimar war gerade nur dadurch interessant, daß nirgends ein Zentrum war. Es lebten bedeutende Menschen hier, die sich nicht miteinander vertrugen, das war das Belebendste aller Verhältnisse, regte an und erhielt jedem seine Freiheit."

Johann Wolfgang von Goethe













In besonderer herbstlicher Pracht zeigte sich der Park an der Ilm mit Goethes Gartenhaus; gerade so viel, um in uns die liebgewordenen Vorstellungen von einstigen poetischen Zeiten hervorzurufen, die es - wir ahnen es - so wohl nie gegeben hat.









































Mögen wir uns dennoch unsere Vorstellungen von Poesie in unserem Inneren bewahren; sie sind es, die uns über den Alltag helfen!

In diesem Sinne


Herzliche Grüße

Bettine