Samstag, 20. August 2016

Altweibersommer - oder: Von den Möglichkeiten des Reisens...

Auf dem Lautenfelsen bei Gernsbach/Schwarzwald
Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sichs wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, seis in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat...

Johann Wolfgang von Goethe

(Aus: Wanderlied)



Sommertage - Reisetage, vorübereilend wie im Flug. Notizbücher für unterwegs, die sich langsam füllen. Stets versehe ich sie mit dem Titel "Reisenotizen". Lesende und Schreibende sind immer auf Reisen. Manche dieser Reisen dehnen sich weit über Zeit und Raum, manche währen nur wenige Stunden oder Minuten. Manche unternehmen wir virtuell. Manche finden nur in unserem Inneren statt, während wir unseren Gedanken nachhängen, vielleicht in einem Café sitzend oder unter Linden auf einem stillen Kirchhof - oder auch zuhause am Schreibtisch, am Fenster oder im Lieblingssessel mit einem Buch.

Wo wir uns räumlich aufhalten und für wie lange, spielt eine untergeordnete Rolle. Unterwegs sein mit dem Weg als Ziel. Sehnsucht nach dem Horizont mischt sich mit Sehnsucht nach Bleiben und Verweilen, Langsamkeit, bewusster Entschleunigung. Gegensätze, die es auszuhalten gilt.


Auf dem Kirchhof in Lauffen am Neckar


Spätsommerliche Felslandschaft im Schwarzwald
Von dem Berge zu den Hügeln... - vertraute Landschaften vor dem inneren Auge. Für mich sind dies stets zuerst die Höhenzüge und Täler des nördlichen Schwarzwaldes, von denen ich mich schon als Kind gerne einhüllen ließ wie in einen bergenden Umhang aus Grüntönen, Harz- und Heudüften, begleitet von den Melodien unzähliger Bäche und Brunnen, vielfältiger Vogelstimmen und hellem Glockengeläut. Manche dieser Bilder lässt die eine oder andere Wanderung neu erstehen, andere scheinen unwiederbringlich verloren.

So finde ich mich an manchem freien Spätsommertag auf Wegen durch Wiesen und Hochmoore und auf Felsenpfaden, finde ein Farbenspiel aus leuchtend grünen Flechten auf dem Granitgestein, überhangen mit lila blühender Heide und hellrot-orange glühenden Ebereschen. Silberne Spinnweben künden vom nahen Altweibersommer, der recht zu mir passen will. Mag er sich einstellen!


Auf dem Brennte Schrofen über dem Achertal/Schwarzwald




Edelfrauengrab-Wasserfälle im Gottschlägtal/Schwarzwald




Am oberen Gottschläg







Kratzdistel (Cirsium) mit Hummel


Platterbse (Lathyrus)
mit Faulbaum-Bläuling (Celastrina argiolus)
"Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit. Denn wenn man sich anders als auf seinen eigenen Füßen vorwärts bewegt, so geht das viel zu schnell, und man versäumt tausend kleine zarte Freuden, die am Wegrand warten."

Elizabeth von Arnim (Aus: Elizabeth auf Rügen)



Und so nehme ich denn wieder Zuflucht zu den Dichterinnen und Dichtern, als müsste ich mich ihres Rückhalts vergewissern.






Meine eigene Rügen-Reise führte mich Ende Mai zunächst in die Weiten Brandenburgs, zu Theodor Fontanes "Herrn von Ribbeck im Havelland". Auch wenn das "Doppeldachhaus" längst nicht mehr steht, so ist dort doch der Zauber eines besonderen Ortes zu spüren.



Schloss Ribbeck im Havelland


Kirche Ribbeck
Sehr viel mehr jedoch als die Schlösser, erbaut von menschlicher Hand und Zeugen des Willens zur Macht, sind es jedoch die mächtigen Bäume, die mich immer wieder in die Weiten Brandenburgs und Mecklenburgs ziehen. In meiner Gegend haben sehr alte Bäume Seltenheitswert; wo es sie noch gibt, finden sie sich als "Naturdenkmale" konserviert.





Alte Rosskastanie auf dem Kirchhof Ribbeck
Familiengrablege der von Ribbeck mit jungem Birnbaum






Denkmal... - Denk-Mal... - Denk mal an die Zeiten, als es noch Natur in Fülle gab...

Erst hier fällt auf, was uns fehlt.

Wie viele Vögel wir lange nicht mehr gehört und gesehen haben.

Was der Schatten eines Baumes bedeutet im Vergleich zu unseren armseligen textilen Sonnendächern.

Welchen Charakter Bäume dem Bild einer Landschaft oder einer Ortschaft zu verleihen vermögen.

Sie ermöglichen Leben in reicher Vielfalt. Sie bieten Schutz und spenden Kraft. Sie rauschen.
Sie flüstern. Sie erzählen Geschichten. Sie verbinden Erde und Himmel.

Eigentlich lässt sich wohl sagen: Ich komme immer wieder vor allem der Bäume wegen.



Lindenallee bei Lohme/Insel Rügen

Die Insel Rügen, diesmal im Spätfrühlings-Frühsommer-Kleid. Farbenfrohes Leuchten: Klatschmohn, Kornblumen, Weißdorn, Ginster im frischen Grün. Unvergessliche Wanderungen auf dem Hochuferweg zur Stubbenkammer, von der es zu Recht heißt:

Stubbenkammer/Rügen:
Blick vom Königsstuhl zur Viktoria-Sicht
"Es ist nicht möglich, einen einfacheren und erhabenen Anblick zu finden, eine bloße Öffnung ins Meer, aber die unendliche Ebene so frei und groß daliegend,und der Schauplatz, von dem man sie sieht so kühn und fest gegründet, so wunderbar gestaltet durch die Ecken und Winkel der Felsen, so abstechend von Farben mit den weißen Kreidewänden gegen das blaue Meer..."

Wilhelm von Humboldt
(Tagebucheintrag vom 12. August 1796)





Stubbenkammer/Rügen:
Viktoria-Sicht


Am verwunschenen Herthasee, Jasmund/Rügen
Immer wieder neu überwältigt die Schönheit der Kreideküste, mit ihrer atemberaubenden Kulisse aus weiß scheinenden steilen Felsen, grünen Laubwäldern und den wechselnden Farben der stetig anbrandenden See.

Wer sich ins Hinterland aufmacht, findet indessen stille verwunschene Seen und Moore - und wird möglicherweise von einem Unkenkonzert begleitet.









Insel Hiddensee:
Leuchtfeuer Gellen





Insel Hiddensee: Am Dornbusch
„Der erste Eindruck, den man von Hiddensee empfing, war der von Weltabgeschiedenheit und Verlassenheit. Das gab ihm den grandiosen und furchtbaren Ernst unberührter Natur.“

Gerhart Hauptmann










Insel Hiddensee: Leuchtturm Dornbusch



Dorfkirche Bobbin/Insel Rügen















 
 


Insel Rügen: Am Kap Arkona





Am Strand von Vitt, Arkona/Rügen
Was mir aus jenen Inseltagen am nachdrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, ist der allgegenwärtige frühsommerliche Kuckucksruf, der mich überall hin begleitete, bis spät in die Abenddämmerung.

Und das Rauschen der Brandung - und das Klickern der zurückrollenden Kieselsteine. Ein Klang wie von Murmeln...



Junger Haussperling auf dem Rügenhof Putgarten





Kornblume (Cyanus segetum)













Orangerotes Habichtskraut
(Hieracium aurantiacum)














Im Garten des Bach-Hauses/Eisenach


  
Garten des Bach-Hauses Eisenach
Auf der Rückreise reichte die Zeit noch für einen Besuch beim großen Johann Sebastian Bach in Eisenach, wo es - vor allem natürlich für Musikfreunde - vieles zu entdecken und erkunden gibt.





Schachbrett (Melanargia galathea) und
Kleines Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus)


Weidenröschen (Epilobium)
Ich setze große Hoffnungen in das Reisen.

Wer reist, sei es räumlich oder zeitlich, auf Wegen und Straßen, auf Buchseiten - lesend, schreibend oder in Gedanken - übt sich darin, genau hinzusehen und schult den Blick für das Schöne.

Wer reist, auf welche Weise auch immer, wird immun gegen Lügen, lässt sich nicht mehr erzählen, die Erde sei eine Scheibe, eine Kultur sei der anderen überlegen oder dass es gar auf komplexe Fragen einfache Antworten und Lösungen geben müsse.








Acker-Witwenblume (Knautia arvensis)
Wer reist, begreift, dass die Welt nun einmal sehr vielfältig und kompliziert ist - und Kultur nur eine sehr dünne Decke, unter der sich die Menschen sehr ähnlich sind, mit ihren Wünschen, Träumen, Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen.

Wer reist, lernt, das Gemeinsame und Verbindende mehr zu suchen als das Trennende.

Diese Erfahrung wünsche ich uns allen!






Euch Lieben allen noch schöne Ferien und - wo diese schon zu Ende sind - einen guten Start in den Herbst!

Mit ganz lieben Grüßen

Betty








PS: Ein neuer Sammelrezensions-Essay von mir zu neuen und neu zu entdeckenden Büchern zu Anne Frank erschien am 17. August in literaturkritik.de unter dem Titel Wem gehört Anne Frank? - Oder: Was kann und darf Erinnerung?

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