Montag, 21. Mai 2018

Vom festlich glänzenden Himmel und den Farben der Erde - und vom im Unbegrenzten doch Einbeschlossensein im Kleinsten...

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Johann Wolfgang von Goethe
(Aus: Reineke Fuchs)

Das liebliche Fest, es gibt sich in diesem Jahr eher verregnet - jedoch ein wohltuender Mairegen in einem ansonsten warmen, sonnigen, farbenreichen Frühling mit festlich heiterem Himmel - und ich verbringe den Tag schlafend, lesend, traumwandelnd, schreibend.



Diese Aufnahmen vom "farbigen Glanz der Erde" hingegen entstanden am Muttertag im Garten meiner Mama. Nun ist meinem Mummelchen und mir dieser Tag mit seinen scheinheiligen Verbrämungen eher ziemlich schnuppe, aber zu welchem Anlass soll ich ihr denn dann Rosen für ihren Garten schenken, ohne dass sie mit mir schimpft?

Ein Garten, in dem übrigens alles wachsen darf, alles sein Plätzchen findet, ohne einander zu stören, auch der sonnengelb leuchtende Hahnenfuß auf der Wiese unter dem Kirschbaum, - übrigens auch die Brennnesseln unter dem von Rosenbüschen eingerahmten Holunder, die Schmetterlingen eine Heimat geben. Salbei und Lavendel zwischen Rosen und Akelei halten Schädlinge gering und ziehen Nützlinge an.



 
Bienen und Hummeln danken es ebenso, wie die zahlreichen Singvögel, die in den hohen Fichten und im Feldahorn brüten, an beerenreichen Sträuchern und zusätzlichen Futterplätzen Nahrung finden und mehrere Vogelbäder zur Verfügung haben.

"Und ich wundere mich", sage ich zu meiner Mum, "wo all sie alle hin sind, die als verschwunden beklagten Insekten und Vogelarten. Sie sind alle bei dir im Garten!" Gift kommt meiner Mama nicht in die Tüte. Und so ist ihr Garten zu einem Exil geworden, derer es leider immer noch zu wenige gibt. Ein Exil für die Natur, die uns Menschen nicht braucht, wir aber sie. Oft gehört, aber nie genügend verinnerlicht. Und bis wir es endgültig kapiert haben werden, ist es vielleicht zu spät.























"Nun, da ich doch merke, dass ich älter werde und doch manchmal mit schlechtem Gewissen Fünfe gerade sein lasse, blüht alles erst richtig schön, das hätte ich gar nicht gedacht", erzählt meine Mum, "je weniger ich eingreife, umso mehr überrascht mich mein Garten."


















Und so ist auch mir ein einst wenig geliebter Ort doch noch zu einem Stück Heimat geworden. Denn als meine Eltern, damals mit meinem Bruder und mir, in dieses Dorf zogen, war ich vierzehn Jahre alt und krank vor Heimweh nach der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, die auch die Stadt eines Dichters ist, den ich erst später richtig kennen- und schätzen lernte. Heute mag ich beide Orte - und möchte sie nimmer missen.










Denn um das Dorf liegen Streuobstwiesen, Naturrefugien, die anderswo längst verschwunden sind - und ich hoffe so sehr, dass es sich seiner Schätze bewusst wird und sich für ihren Erhalt einsetzt!

Einstweilen lade ich euch ein zu einem rückblickenden Spaziergang durch die Baumblütezeit diesen April. Lasst euch verzaubern!


















































Unterwegs auf grünen Schwarzwaldwegen...
Eine Frühlingswanderung im Schwarzwald führte mich über Höhenwege und imposante Felsen zu atemberaubenden Aussichtspunkten über dem Murgtal und seinen Seitentälern - und immer wieder zu eindrucksvollen Baum-Begegnungen.








Rotbuche trifft Rottanne





Birke auf dem Flachsland über Gernsbach-Reichental


Eiche auf dem Flachsland über Gernsbach-Reichental




Hinauf zur Elsbeth-Hütte...





















Aussicht von der Elsbeth-Hütte ins Murgtal





Besenginster in Blüte




















Ausblick vom Rockertfelsen übers Murgtal


Eiche in Blüte
Und immer wieder sind es diese Momente zwischen Himmel und Erde im Einklang mit der Natur, die all unsere täglichen Kümmernisse klein erscheinen lassen und uns helfen, uns wieder auf das Wesentliche zu besinnen.














Blick ins Reichenbachtal


Das Wunder von Pfingsten übrigens ist das der geeinten Sprache. Die Voraussetzung für Einander-zuhören. Einander Fragen stellen. Sich die Geschichte des anderen erzählen lassen. Wichtiger denn je, wenn wir spaltenden Kräften etwas entgegensetzen und uns nicht von ihnen vergiften lassen wollen!












In diesem Sinne - Vergissmeinnicht!














 


Einstweilen werde ich während einiger freier Tage mit neuer Hingabe das tun, was ich eigentlich will: Schreiben. Von dem ich merke, dass es mehr mit all meinen anderen Tätigkeiten, von denen ich ja unter anderem auch leben muss, kollidiert, als mir lieb ist. Dies hängt sicherlich vor allem damit zusammen, dass ich derzeit alles, was ich tue, liebe. Was das Leiden daran zuweilen einschließt. Das war nicht immer der Fall. In früheren Tagen hatte ich eine Arbeit, die ich über weite Strecken nicht liebte. Solches möchte ich nicht wieder durchleben. Dann eher doch die Spannung, die sich aus dem Jetzt ergibt, aushalten und Projekte weder überstürzen noch sie zu schnell verwerfen. Sie dann eben zu Lebensprojekten werden lassen. Die somit die Chance stetiger Weiterentwicklung und Verbesserung erhalten...








Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est. 


(Nicht begrenzt werden vom Größten
und dennoch einbeschlossen sein vom Geringsten,
das ist göttlich.)

Grabinschrift des Ignatius von Loyola
und Leitsatz für Hölderlins Hyperion

Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern erfüllte Pfingsttage!

Betty



Samstag, 31. März 2018

Von der ewigen Sehnsucht nach der Blauen Blume - und vom Licht der Osterzeit...


 
Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph Freiherr von Eichendorff


 
Was sich nach Licht sehnt ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.

Bettine von Arnim
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Dichterinnen und Dichter bemühen. Zu allen Zeiten. Auch nach einem schattenreichen Winter, der noch im Gemüt sitzt. Und auch, weil eigene Worte fehlen. Sie sind flüchtig, gehorchen nicht, entgleiten. Begonnene Arbeiten ruhen immer wieder, warten auf ihre Fortsetzung. Warten auf einen Zugewinn an Zeit und Kraft. Die Suche nach der Blauen Blume kostet beides. Und sie überschreitet die Grenzen des Erlaubten. Des Geduldeten. Muss sich messen lassen an dem, was sich "Leben in der Realität" nennt. Welches für sich beansprucht, das Gültige und Wahre zu sein. Jedoch, die Realität oder das, was wir dafür halten, strotzt vor Unwahrheit. Macht Menschen zu Robotern. Bringt uns dazu, mehr und mehr von dem zu zerstören, was unser Leben ausmacht. Es gibt nichts Verlogeneres als die von uns so viel beschworene Realität!

Woher aber dann unsere Sehnsucht nach dem ganz anderen? Nach der Blauen Blume? Nach Farbe? Nach Licht? Wer hat sie in unsere Herzen gepflanzt - und wozu? Doch wohl nicht, um uns einen bösen Streich zu spielen? Das sei fern!

Ist es nicht eben diese Sehnsucht, die uns alle verbindet und uns befähigt, über uns selbst und unseren Kampf um die täglichen Dinge hinauszuwachsen? Uns mit anderen zusammenzuschließen und gemeinsam zu neuen Zielen aufzubrechen?

Ach! wir kennen uns wenig;
denn es waltet ein Gott in uns.

Friedrich Hölderlin
 
 
 


Wohlan - lassen wir ihn walten! Wir sind keine Lichtlosen, solange wir die Sehnsucht nach dem Licht in uns tragen! Und diese ist auch die Quelle für das Licht von Ostern, welches da steht für Auferstehung und Überwindung alles Endlichen.

Geben wir ihr Raum und - hören wir nicht auf, nach der Blauen Blume zu suchen!

Eine gesegnete Osterzeit wünscht euch

Betty

Sonntag, 24. Dezember 2017

Von fröhlich springenden Herzen und dem immerwährenden Wunsch nach Frieden...

Fröhlich soll mein Herze springen
dieser Zeit, da vor Freud‘
alle Engel singen.
Hört, hört, wie mit vollen Chören
alle Luft laute ruft:
Christus ist geboren.


Paul Gerhardt

In diesem Sinne Euch Lieben allen:
Gesegnete Festtage und ein friedevolles Jahr 2018!

Betty

Sonntag, 5. November 2017

Vom Unvermögen, fortzufliegen, vom Trost der Sternenblume - und der Erinnerung an Schöneres...

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort! -
Die Sonne schleicht zum Berg
und steigt und steigt
und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh -
er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Oh Frucht des Baums,
du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich
die Nacht,
daß eis'ger Schauder deine Wange,
die Purpurwange deckt? -

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch? - -

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort! -
"Ich bin nicht schön"
- so spricht die Sternenblume -,
"doch Menschen lieb' ich
und Menschen tröst' ich -
sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
nach mir sich bücken
ach! und mich brechen -
in ihrem Auge glänzet dann
Erinn'rung auf,
Erinnerung an Schöneres als ich: -
- ich seh's, ich seh's - und sterbe so." -

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!

Friedrich Nietzsche

Fortfliegen fällt aus. Keine Option. Jedenfalls dann, wenn die Flügel - noch eher als die Herzen - gebrochen sind. Selbst wenn sie sich leimen ließen, müssten sie über den Winter pausieren. So bleibt nur, in welk gewordener Welt das Herbstlied des Windes auf den müd gespannten Fäden mitzuspielen, mitzusingen.








Der Hoffnung nachklagen. Haben wir vielleicht nur nicht ihre Flamme sorgsam genug gehütet? Unsere Früchte - herabgefallen vor der Zeit? Erfroren vor dem Reifenkönnen? Das Geheimnis der Nacht - wir wollten es nicht wirklich kennen. Der eisige Schauder - er hat auch uns ergriffen. Längst.







Unser Schweigen. Die Worte der Sternenblume hingegen - Understatement. Sie weiß es. Ist Geliebte und Trösterin seit Kindertagen - in den traumverlorenen Farben Rosarot, Violett und Blau.










Kunsthalle Bremen


Erinnerung an Schöneres - keine Not, den letzten Frühling zu bemühen. Eine Bremen-Reise im September - ganz im Zeichen der Kunst, mit viel Zeit zum Betrachten von Bildern, großem Wiedersehen mit den Worpswedern und so manchem Holländer.

Teepause im Schnoor-Viertel - ostfriesisch, somit nicht ganz stilecht, aber sehr wohltuend!











Das Modersohn-Haus in Worpswede
Dann nach Worpswede - für wenige kostbare Stunden. Andächtig auf Paulas Sofa gesessen, im stummen Zwiegespräch.














Beim Sonnenuntergang über dem Teufelsmoor - an der Hamme-Hütte Neu Helgoland - eine leise Ahnung eingefangen von jener Stimmung, die einst die Worpsweder Maler - gerade im Licht dieser Jahreszeit - inspirierte.







Das Café Rilke in Fischerhude


Zum Ausklang ein Besuch des Wohn- und Atelierhauses von Clara Rilke-Westhoff in Fischerhude, wo Gartenkunst eindrucksvoll mit der Wasserlandschaft der Wümme-Wiesen zusammenklingt.


































Im Hohloh-Hochmoor/Nordschwarzwald
Im Oktober dann unterwegs auf verschwiegenen Stegen durch ein Moor wieder anderer Art, nun ganz in die Farben des Herbstes getaucht...














All dies, was uns sehr fehlen würde, hätten wir den Herbst nicht...












Oktober-Leuchten am Klosterberg Maulbronn




Sturm-Elfchen


Herbststurm
Boshaftes Rütteln
An angefressenen Luftschlösserfundamenten
Vor mir davonwirbelnde Blätter
Unbeschrieben

Betty



Doch was kann uns schließlich der Herbst - uns, die wir uns der Kunst verschrieben haben?

Fortfliegen entfällt. Bleibt, ihn uns anzuverwandeln...

Habt noch schöne Tage -
ob in Bronze, Silber oder Gold!

Und: Hütet die Flamme!

Liebe Grüße

Betty